Welche Landwirtschaft wollen wir?

Links: blühende Wiese, rechts: grüne Einöde.
Links: blühende Wiese, rechts: grüne Einöde.

Die Landwirte in Bayern stehen unter großem Druck. Einerseits drücken Molkereien den Milchpreis, andererseits sehen sie sich immer wieder gezwungen, sich für Subventionen zu rechtfertigen. Doch schon bald werden sich nicht nur die Bauern, sondern die gesamte Bevölkerung fragen müssen: Welche Landwirtschaft wollen wir?

 

Ich selbst bin kein Landwirt, aber auf sie angewiesen. Meine Bienen sammeln auf Wiesen von Bio-Bauern ihren Pollen und ihren Nektar. Deswegen stehe ich auch im ständigen Kontakt mit ihnen.

 

Vor kurzem kam ich zu meinen Bienenvölkern am Stadelberg. Während die Wiese, auf der meine Bienen stehen, in den verschiedensten Farben blühte, reichte ein Blick über den Zaun. Das Nachbarfeld ein einziges unschönes, ungesund anmutendes Grün. Hier: Löwenzahn, Klee, Sauerampfer und viele Pflanzenarten mehr. Dort: grün-grau-braune Einöde.

 

Auf Nachfrage haben mir mehrere Landwirte versichert, dass man früher mit der Mahd zumindest so lange gewartet hat, bis der Löwenzahn abgeblüht war. Heute ist das bei vielen Bauern wohl nicht mehr üblich. Bis zu sechsmal im Jahr wird die Wiese gemäht – egal, wie hoch das Gras steht.

 

Ein Feld muss sich erholen dürfen
Kann das für die Rinder gesund sein? Kann das für den Boden gut sein? Kann das für uns gesund sein? Früher hat man wohl nicht umsonst nur dreimal im Jahr gemäht und das Heu getrocknet. Heute, so erscheint es mir, muss es immer mehr werden, immer schneller gehen. Die Pflanzen bekommen gar nicht die Zeit, auszusamen. Deswegen werden mehr Spritz- und Düngemittel eingesetzt. Alles auf Kosten der Wasser- und Bodenqualität.

 

Früher war der Fruchtwechsel gang und gäbe. Ein Feld durfte sich auch einmal „erholen“.

 

Dies soll keine Anklage gegen unsere Landwirte sein. Sie machen einen wichtigen Job, der nicht immer fair bezahlt ist. Sie erhalten unsere Kulturlandschaft und sind die Lebensmittellieferanten von nebenan.

 

Und gerade deswegen sollten wir uns alle an der eigenen Nase fassen: Warum kaufen wir Discounter-Milch für 40 Cent pro Liter, wo mittlerweile jeder wissen sollte, dass gute Qualität und ein gutes Auskommen für die Produzenten erst ab etwa 90 Cent zu haben sind? Warum kaufen wir Billig-Fleisch?

 

Jedem, der das für grünes Geschwätz hält, sei angeraten, sich mit alten Landwirten zu unterhalten. Sie berichten oft gerne aus ihrer Kindheit, wo die Böden weniger ausgelaugt waren, die Wiesen blühten und kaum Spritzmittel eingesetzt wurden. Damals war die Milch im Verhältnis teurer und Fleisch kam nicht täglich auf den Tisch. Zeit für eine Rückbesinnung!


Zu Besuch im Liebesnest der Königin

Kloaschauer Tal – Sonnenstrahlen sind in diesen Tagen nahezu eine Rarität. Doch sobald es nicht regnet, fliegen die Honigbienen aus und besetzen sämtliche Blüten im Oberland. Johannes* aus Fischbachau imkert und züchtet seit 2007 die wichtigste aller Bienen: die Königin.

 

 

Die Wolken am hellblauen Himmel über dem Sudelfeld scheinen sich übereinander zu stapeln, bevor sie Richtung Österreich drängen. Die Wiesen und Felder, ja sogar Verkehrsinseln, blühen derzeit kunterbunt. Lila, gelb, weiß, blau, rot. Ihren Duft verströmen die Pflanzen an diesen schönen Tagen weithin – zum Leidwesen aller Allergiker. Doch für die Bienen sind sie unverzichtbar: Aus ihrem Nektar wird später einmal Honig werden.

 

 

Ich treffe Johannes vor dem Gasthof Zipflwirt, der derzeit renoviert wird. Der Mittvierziger –  schwarz-graue Haare, sportliche Kleidung – verkauft seinen Honig über die Vermarktungsgesellschaft „Unser Land“. Ich steige in sein Auto und wir fahren durch die überwältigend farbenfrohen Wiesen des Kloaschauer Tals. Kälber versperren uns zunächst den Weg zur Belegstelle des Imkervereins Miesbach unterhalb des Sonnwendjochs.

 

 

Belegstelle nennen Imker den Platz, an dem sie ihre nachgezüchteten Bienenköniginnen von Drohnen, also männlichen Bienen, der selben Rasse begatten lassen. In unseren Breiten ist die Rasse „Carnica“ äußerst beliebt. Im Schutz der Berge rund um das Kloaschauer Tal sollen reinrassige Carnica-Bienen nachgezüchtet werden.

 

Die Kälber lassen uns schließlich durch. Nach einigen Minuten holpriger Fahrt über verschlungene Forstwege summt es um meinen Kopf. Ein lautes Brummen mitten im Wald liegt in der Luft und lässt keinen Zweifel zu: Hier ist das Liebesnest, in dem jährlich über 900 Bienenköniginnen begattet werden.

 

 

„Wie kommt man dazu, Bienenköniginnen zu züchten?“, frage ich Johannes gleich am Anfang. „Ich hab mich mein Leben lang schon für Natur interessiert“, erklärt er. Der Imker, bei dem er das Handwerk erlernt hat, habe ihm gesagt, jeder Bienenzüchter müsse auch selbst Königinnen an der Belegstelle nachziehen. Damals wusste Johannes noch nicht, dass man Bienenköniginnen sogar online bestellen kann.

 

 

Eigentlich sind seine Bienen brav. Doch kaum sind wir aus dem Auto ausgestiegen, attackiert mich die erste, sticht aber nicht zu. Ich setze einen Schleier auf. Und Johannes tut es mir kurze Zeit später gleich. Er sagt: „Ich schaue meine Bienenvölker gerne mittags durch. Da sind die älteren Damen unterwegs und die jungen sind nicht so aggressiv. Aber heute sind sie irgendwie ungut.“

 

 

Je älter eine Biene in ihrem etwa sechswöchigen Leben wird, desto weiter entfernt sie sich vom Brutnest. Junge Bienen sind also erst einmal für die Brutpflege und die Versorgung der Königin zuständig, bevor sie dann, in den letzten Wochen ihres Lebens, zum Sammeln ausfliegt. Vor Drohnen brauchen wir keine Angst haben, die besitzen nämlich keinen Stachel.

 

 

Johannes zündet in seinem Smoker, einem Rauchgerät, Kräuter und Papier an. Damit imitiert er einen Waldbrand. Die Bienen bleiben dann ruhiger auf den Waben sitzen und sind mit Honigsaugen beschäftigt. Den würden sie im Ernstfall nämlich mitnehmen.

 

 

An der Belegstelle stehen Begattungskästchen, also schuhschachtelgroße Bienenkästchen, von rund 50 Imkern. Dazu kommen Bienenvölker mit extra vielen Drohnen. So soll die Begattung der Königinnen optimal klappen. Zunächst schauen wir die Drohnenvölker an. Laut brummt es aus den Holzkästen. Die niedrigere Frequenz des Flügelschlages und das größere Gewicht der männlichen Drohnen lassen sie dunkler brummen als die weiblichen Arbeiterinnen, die bereits einiges an Honig gesammelt haben.

 

 

Johannes fährt mit seinem Finger in die Wachswaben, in denen eine goldene Flüssigkeit glänzt: Honig. „Mh, da ist sogar Waldhonig dabei“, schwärt der Imker. Nach einigen Minuten verschließen wir die Holzkästen und marschieren zu den kleinen Begattungskästchen, die im ganzen Wald verteilt sind. Wir überprüfen, ob die Königin drin ist. Dank ihrer weißen Markierung und ihres länglichen Körperbaus finden wir sie sofort.

 

 

Doch bevor sie so weit ist, dass sie Eier legen kann, muss der Imker einige Dinge erledigen. Johannes erzählt: Aus herkömmlichen Brutwaben der Mutter der zukünftigen Königin entnimmt er Anfang Mai mit einem spitzen, feinen Löffel die Eier und gibt sie in vorgefertigte Königinnenzellen. Die haben einen größeren Durchmesser und werden in ein anderes Volk gehängt. Bei der Auswahl der Zuchtkönigin achtet er vor allem auf deren Sanftmut.

 

 

Zur Königin wird das Ei durch das Gelee Royale, einem speziellen Futtersekret, das die Bienen selbst herstellen. Nach etwa zwei Wochen schlüpft die neue Königin und wird zur Belegstelle gebracht, wo sie schließlich begattet wird. Diesmal scheint alles geklappt zu haben. Die vier Königinnen, die wir heute mitnehmen, haben schon begonnen, im Begattungskästchen Eier zu legen.

 

 

Wir verlassen das große Gesummse zurück Richtung Zipflwirt. „Als Imker bekommt man einen ganz anderen Blick auf die Natur“, sagt Johannes. Dabei ist die Imkerei kein Hobby, das man nebenher einfach machen kann. „Man muss sich seiner Verantwortung schon bewusst sein.“

 

 

Und warum nimmt man diese Verantwortung auf sich, löffelt Eier von einer Wabe in die andere und fährt durch den halben Landkreis zur Belegstelle? Johannes grinst verschmitzt: „Es gibt nichts besseres als eine Semmel mit gutem Honig!“

 

 

* Der Imker, den ich besucht habe, möchte seinen Namen lieber nicht online lesen. Deswegen habe ich diesen geändert.

 


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Wie ich lernte, Bienen zu lieben

Die Hobbies werden immer cooler – und ebenso ihre Namen. Meist ist es irgendeine Kombination aus  „free“ und dancing, riding, climbing. Wie wär’s denn mal mit beekeeping? Imkern ist kein Alte-Männer-Hobby mehr!

 

Ich war unterwegs mit Andreas, meinem Spezl. Durch ganz Neuseeland sind wir gefahren, über ein halbes Jahr lang. Schließlich kamen wir nach Rotorua, einem Ort auf der Nordinsel: Grüne Landschaft, viele Hügel – und dank der natürlichen Thermalquellen ein penetranter Schwefelgestank. Hier trafen wir Gerry, um bei ihm zu arbeiten.

 

Über 500 Bienenvölker
Gerry hatte über 500 Bienenvölker um ganz Rotorua und sogar an der Ostküste, wo viele Teebäume wachsen. Dort sammelten seine Bienen fleißig für den weltbekannten (und sündhaft teuren) Manukahonig.

 

Jedenfalls hatte ich vorher nichts mit der Imkerei am Hut. Aber naturinteressiert bin ich immer schon gewesen, Andreas wahrscheinlich noch mehr. Warum also nicht auch mal imkern?

 

Wir mussten uns dicke Arbeitsanzüge und Gummistiefel anziehen. Mögliche Einschlupfmöglichkeiten wurden mit festem Klebeband zugeklebt, der Schleier verschlossen. So gingen wir zu den ersten Bienenvölkern. Die Hitze war erdrückend. Wir kontrollierten den Schwarmtrieb der Bienen. Begeistert waren die aggressiven Insekten davon nicht.

 

„Beekeeping @ night. Ätzend!“
In meinem Reisetagebuch hatte ich notiert: „Mich haben keine gestochen, Andreas zwei oder mehr. Beekeeping schein interessant zu sein, weiß aber nicht, ob’s für mich passen würde (evtl. privat).“ Das war nach meiner ersten innigeren Begegnung mit den Bienen. In den kommenden Tagen wurde es schließlich noch mehr: Um die Bienen von Rotorua an die Ostküste zu verbringen, mussten die Völker auf die mehrere hundert Kilometer lange Reise nachts vorbereitet werden. Aus meinem Tagebuch: „Beekeeping @ night. Ätzend, weil Bienen überall reinkriechen. Andreas wird unterhalb des Auges gestochen. Zum Feierabend-Cider gibt es Gerrys schlechte Witze.“

 

Schöne, freie Zeit
Während meiner Reise fühlte ich mich frei, unbeschwert und der Natur so nahe wie lange nicht mehr. Nicht zuletzt deswegen, weil wir den verschrienen Insekten so nahe gekommen sind. Das Eis war gebrochen. Ich war begeistert vom Aufbau ihres Staates, ihrer enormen Bedeutung für die Menschen – und dem leckeren Honig!

 

Erste Bienenerfahrungen daheim
Nach einer langen Reise kamen Andreas und ich wieder zurück nach Bayern. Ich informierte mich relativ bald nach unserer Rückkehr über Imkerkurse in unserer Gegend, obwohl mein Fokus zunächst auf dem Studienbeginn lag. Schließlich ergab sich die Gelegenheit: Der Imkerverein Gmund-Tegernseer Tal und Umgebung e.V. veranstaltete einen Jungimkerlehrgang.

 

Ohne Schleier? Ohne Handschuhe? Ohne Klebeband?
Wie kann man nur ohne Schutz zu diesen Insekten hingehen?, fragte ich mich als mein Imkerpate, Max Stoib, ganz entspannt eine Wabe nach der anderen aus der Beute zog. Ich lernte also: Nicht alle Bienen sind „Mistmatzen“, wie man in Bayern sagen würde. Die in Europa weit verbreitete Rasse Carnica ist meist sehr umgänglich und viel weniger aggressiv als andere.

 

Nach dem Imkerlehrgang war für mich klar: Das will ich auch machen. Ich bastelte mehrere Tage lang an meinen Beuten in Dadant-Maß. Ich wollte sie unbedingt selber machen. Kaufen kann ja jeder, dachte ich. Schließlich war es so weit: Ich bekam meine ersten drei Völker von unserem Lehrbienenstandleiter, Martin Buchberger.

 

Faszination pur!
Voller Begeisterung konnte ich mich kaum sattsehen: Wie sie ihre Waben bauen. Wie sie ein- und ausfliegen. Wie sie Pollenhöschen mit ganz unterschiedlichen Farben herbeibringen. Faszination pur!

 

Seit drei Jahren imkere ich nun selbst und lerne immer wieder dazu. Immer mehr entwickle ich ein Gespür dafür, welche Orte für Bienen gut passen könnten, was die Bienen gerade brauchen. Immer sicherer werden die Handgriffe, egal ob beim Durchsehen der Völker oder beim Bau von Unterkonstruktionen für meine Freisteher. Dabei bin ich erst am Anfang meiner Erfahrungen.

 

Mehr als nur Honig
Durch viel positives Feedback von Freunden und Bekannten, die ich offenbar auch für das Thema begeistern kann, ist mein Enthusiasmus für diese Hobby riesig. Es geht dabei längst nicht mehr nur um Honig. Es geht darum, die Natur genauer zu betrachten und sie besser zu verstehen. Es geht um das Zusammenleben eines Organismus‘, es geht um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

 

Der Bienenstaat ist so komplex, so perfekt organisiert… Ich kann ihnen Stunden lang zusehen, ohne dass es langweilig wird. Deswegen bin ich froh, dass ich einst in Rotorua nach den ersten, bösen Stichen nicht aufgegeben habe.

 


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Sind Bienen die besseren Demokraten?

Ein einsamer Demokrat? (Foto: Thomas Klotz)
Ein einsamer Demokrat? (Foto: Thomas Klotz)

„Bienendemokratie“ – mit diesem Buch sorgte der Bienenforscher Thomas D. Seeley für Aufsehen, nicht nur unter Imkern. Doch stimmt Seeleys These, dass es demokratische Strukturen im Bienenvolk gibt?

 

Dieser Beitrag, der auf meinem Vortrag beim Imkerverein Gmund – Tegernseer Tal und Umgebung e.V. im Februar 2016 basiert, geht der Frage nach der Bienendemokratie nach.

 

Aristoteles und die Bienen
Aristoteles lebte im vierten Jahrhundert vor Christus und war Schüler Platons. Er gilt bis heute als Begründer der Politikwissenschaft, weil er verschiedene Verfassungen sammelte und verglich. Zugleich beobachte er als Universalgelehrter seine Umwelt ganz genau. Hier kam er zu dem Schluss, die Lebewesen in verschiedene Kategorien einzuordnen:

Unter anderem gibt es Tiere, die sich von Haus aus zusammenschließen, um zu überleben. Wie etwa Bienen oder Ameisen – oder Menschen. Aristoteles bezeichnete ein solches, Staaten (Polis) bildendes Lebewesen als „zoon politikon“, als Lebewesen in der Polisgemeinschaft.

Aristoteles gilt darüber hinaus als einer der ersten, der sich Gedanken über einen demokratischen Staatsaufbau gemacht hatte. Er untersuchte dafür Aristokratien, Monarchien, Tyrannenherrschaften und viele mehr.

 

Die Athener Verfassung
Die Athener Verfassung, die seinerzeit als mustergültig galt, ist aus vier Säulen aufgebaut:

  • Vorherrschaft der Volksversammlung: tagt 40 Mal im Jahr, entscheidet richtungsweisend
  • Rat der 500: Vergleichbar mit dem Bayerischen Senat, den es bis 1999 gab; eine Vertretung von Regionen/Ständen (ausgelost)
  • Beamte: durch Losentscheid Führungsaufgaben bei kulturellen, politischen, militärischen Aufgaben
  • Gerichtsbarkeit

Wer aber waren die Vollbürger, die in Athen entscheiden und wählen durften?

Sie mussten frei sein, also niemandem gehören. Sklaven waren damit ausgeschlossen – und Frauen. Vollbürger mussten zudem finanziell abgesichert sein, aber nicht reich. Auch einfache Handwerker und Bauern durften wählen, sofern sie waffenfähig waren und eindeutig von Athenern abstammten (was Aristoteles selbst übrigens nicht tat). Durch diese Einschränkungen galt im günstigsten Falle nur jeder Vierte, im schlechtesten nur jeder Siebte als Vollbürger.

Dies ist wichtig für die spätere Betrachtung der Bienendemokratie. Ebenso relevant ist Jürgen Habermas.

 

Von Aristoteles zu Habermas
1929 wurde er geboren und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der sogenannten Neueren Kritischen Theorie. Prägend für Habermas‘ Theorie ist die Kommunikation. Er behauptet, dass sich allein durch Kommunikation Konflikte beseitigen lassen und vernünftige Entscheidungen getroffen werden. In der Gemeinschaft werden Geltungsansprüche artikuliert, die verständlich im Ausdruck, wahr in der Aussage, wahrhaftig in der Intention und richtig im Hinblick auf ihre Normen sein müssen. Dabei gilt: Wer spricht, setzt immer schon voraus, dass eine Einigung möglich ist.

Und das muss natürlich auch im Bienenvolk gelten.

 

Kommunikation im Bienenvolk
Die wichtigsten Kommunikationsmittel im Bienenvolk sind:

  • chemische Signale: Wird beispielsweise die Wächterbiene am Flugloch gestört, rennt sie in den Stock und gibt das Stachelrinnenpolster mit dem Alarmsekret frei. Daraufhin kommt eine Schar alarmierter Bienen zur Hilfe.
  • mechanische Signale: Vor dem Schwärmen schütteln Arbeiterbienen die Königin. Dadurch wird sie durch den gesamten Bienenstock gehetzt, wodurch sie die Eiablage einstellt und abnimmt, um später fliegen zu können.
  • optische Signale: Ein Beispiel hierfür ist der Schwänzeltanz.
  • akustische Signale: Ein Beispiel: Eine Biene kommt in den Stock zurück und zeigt mithilfe des Schwänzeltanzes eine Nektarquelle an. Die Nachtänzerinnen fordern mittels eines Pieplautes eine Nektarprobe an, um den Duft wahrzunehmen und die Quelle später besser erkennen zu können.

Es gibt also ganz viele verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation. Damit ist eine grundlegende Bedingung für Diskussionen – und somit demokratische Entscheidungsfindungen – gegeben.

Als Beispiel für eine demokratische Entscheidungsfindung im Bienenvolk schauen wir uns das Schwärmen an. Was den Imker nur selten freut, ist allerdings für die Bienen ein wichtiges Instrument zur Arterhaltung und -vermehrung.

 

Die Königin hat nichts zu melden
Schon die Entscheidung, das Schwärmen vorzubereiten, trifft nicht die Königin, sondern der Bienenstaat, also insbesondere die Arbeiterinnen. Sie bauen Weiselzellen, in denen die Königin dann Eier legt. Damit eine Königin aus dem Ei wird, wird sie mit Gelee Royale gefüttert. Die Ursachen, warum das Volk Weiselzellen baut und damit das Schwärmen vorbereitet, sind noch nicht zu 100 Prozent erforscht. Klar ist, dass ein großes Futterangebot, eine gewisse Größe des Bienenvolkes und das Wetter wichtige Rollen dabei spielen.

Die Königinmutter wird, nachdem sie die Weiselzellen bestiftelt hat, immer weniger gefüttert, wodurch keine Eiproduktion mehr stattfindet. Von den Arbeiterinnen wird sie im Stock herumgescheucht – durch Schütteln, Stoßen und Beißen. Kurz vor dem Ausschwärmen passiert das ca. alle zehn Sekunden. Insgesamt verliert sie etwa ein Viertel ihres Gewichtes. Zum Vergleich: Eine Frau mit 60 Kilogramm würde dann innerhalb von Tagen 15 Kilo verlieren.

Die Arbeiterinnen hingegen machen das genaue Gegenteil: Sie stopfen sich mit Honig voll und nehmen deutlich zu, bis zu 50 % ihres Körpergewichts. Die 60 Kilo schwere Frau würde dann also 90 Kilo wiegen. Zudem schwellen bei den Arbeiterinnen die Wachsdrüßen an.

 

Im Zentrum des Geschehens: die Kundschafterbienen
Bereits hier sind die Kundschafterbienen unterwegs. Sie sind es, die den Abflugzeitpunkt bestimmen, weil sie draußen und drinnen unterwegs sind, währen die anderen Arbeiterinnen zunehmen. Später wird etwa ein Drittel des Schwarmgewichts ein Futtervorrat in Form von Honig in den Honigblasen der Bienen sein. Die Kundschafterbienen behalten zum einen das Puppenstadium der neuen potentiellen Königinnen im Auge, aber zum anderen auch das Wetter.

Wenn der Schwarm schließlich ausfliegen soll, aktivieren die Kunderschafterbienen ihre Genossinnen durch Vibration mit einer Frequenz von 200 – 250 Herz. Das dabei entstehende Geräusch wird Arbeiterinnenpfiff genannt. Dadurch wird der gesamte Stock in Alarmbereitschaft versetzt: Die Flügelmuskulatur wird auf eine Temperatur gebracht. Haben alle die sogenannte Flugbereitschaftstemperatur von 35 ° Celsius erreicht, werden die Pfiffe immer lauter, bevor die Schwirrlaute, also schubweißes Summen, das Startsignal zum Ausschwärmen geben. Nach zehn bis 20 Minuten eines wilden Schwarms mit rund 10.000 Bienen bildet sich eine Traube. Für die Kundschafterbienen geht die Arbeit jetzt erst richtig los.

 

Wer sind diese Kundschafterbienen?
Bei den Kundshcafterbienen handelt es sich um ehemalige Sammlerbienen, wie der Verhaltensbiologe Lindauer herausgefunden hat. Sie gehören damit zu den ältesten Bienen im Volk und bringen somit auch die meiste Erfahrung mit. Außerdem sind sie auch genetisch besonders ausgestattet. In einem untersuchten Schwarm wurde festgestellt, dass 60 Prozent der Kunderschafterbienen von einer einzigen Drohne abstammen; im ganzen Volk waren es hingegen nur 20 Prozent. Hier muss die Königin also bei der Eiablage bereits wissen, welches ihrer gesammelten Samenpakete genutzt werden soll, damit dereinst eine Kundschafterbiene entstehen kann. Wie das genau funktioniert, hat die Forschung allerdings noch nicht herausgefunden.

Was man jedoch mit Sicherheit weiß: Die Kundschafterbienen spielen eine erhebliche Rolle beim Finden eines neuen Nistplatzes. Sie sind es, die diese demokratische Entscheidung für einen Standort treffen.

 

Schönes, neues Heim
Wie muss nun ein solcher Nistplatz aussehen, damit er von den Kundschafterbienen auserwählt wird? Thomas D. Seeley hat dafür viele verschiedene Bienenwohnungen untersucht. Beim ersten Mal gab er eine Zeitungsannonce auf: „Suche Bienenbäume. Zahle 15 $ oder 15 Pfund Honig für einen Baum, in dem eine lebende Bienenkolonie nistet.“

Insgesamt 18 Bäume fällte Seeley, nachdem er die Bienen mit Blausäure tötete. Er stellte dabei fest: Es gab keine bevorzugte Baumart. Der durchschnittliche Durchmesser einer solchen Höhle betrug 20 cm, die Höhe lag bei 150 cm. Das Volumen lag meist um die 45 Liter, jedoch nie kleiner als 12 Liter. Durchschnittlich hatten die Bienenvölker 14 kg Honig bei sich. In einem typischen Nest fanden sich etwa 100.000 Wabenzellen auf 8 Waben, die etwa 2,5 Quadratmeter groß waren und aus 1,2 Kilogramm Bienenwachs bestanden (was die Bienen etwa 7,5 kg Honig für die Produktion kostete).

 

Demokratie der Einheit
Diese Eigenschaften, wie etwa die Größe der Baumhöhle, die Ausrichtung des Eingangs etc., sind deswegen besonders wichtig, weil die Bienen eine gemeinsame Wohnung beziehen wollen, die bestmögliche Voraussetzungen bietet. Somit handelt sich hier um eine Demokratie der Einheit. Alle Bienen wollen das Gleiche.

Im Durchschnitt gibt es für die Bienen 24 verschiedene Anlaufmöglichkeiten, die in Frage kämen. Thomas D. Seeley schreibt: „Der Schwarm kann bei der Wohnungssuche so gründlich vorgehen, weil seine demokratische Organisation die Möglichkeit schafft, die Leistungsfähigkeit zahlreicher kooperierender Individuen auszunutzen und kollektiv die beiden grundlegenden Teile des Entscheidungsprozesses zu vollziehen: die Beschaffung von Informationen über die Alternative und ihre Verarbeitung zum Zweck der Entscheidungsfindung.“ 

 

Wie finden die Bienen nun den besten Platz?
Die mehreren hundert Kundschafterbienen – im Schnitt sind es etwa 5,4 Prozent des Bienenschwarms – fliegen aus und suchen die Umgebung nach Nistplätzen ab, die dem beschriebenen Ideal möglichst nahe kommen. Mit ihren Ergebnissen kommen sie zum Schwarm zurück. Durch den Schwänzeltanz zeigen sie, wo der potentielle Nistplatz liegt und für wie gut sie ihn halten. Martin Lindauer hatte dazu geschrieben: „Die lebhaftesten Tänze weisen auf einen Nistplatz der besten Qualität hin; zweitklassige Behausungen werden mit einem lustlosen Tanz bekanntgemacht."

Lindauer untersuchte das Verhalten der Bienen noch mit einem Farbkasten, einer Uhr und einem Notizblock. Seeley hingegen konnte Videotechnik verwenden. Er stellte fest, dass Kundschafterbienen etwa 37 Minuten zur Inspektion eines Nistplatzes aufwenden. Dafür fliegen sie etwa zehn bis 30 Mal zum Ziel. Bei dieser Erkundungsinspektion untersucht die Kundschafterbiene nicht nur den Innenbereich mehrmals, sondern auch den Außenbereich. Dabei wagt sie sich immer weiter vor.

 

Werbung für den Standort
Je geeigneter die Unterkunft scheint, desto besser wird sie beworben. Daraufhin untersuchen andere Kundschafterbienen den Vorschlag: Sie fliegen hin und wollen sich selbst überzeugen. Danach, sofern die Unterkunft besser ist, als die vorherige, tanzen auch sie für den Standort. Andere Bienen lassen sich davon anstecken und tanzen mit.

Der beste Standort wird am Ende also am meisten beworben. Dabei gibt es ein Problem: Wenn es zwei gleich gute Standorte gibt. Dann fliegt der Schwarm auf und teilt sich in der Mitte. Wenn die einen Bienen dann merken, dass sie keine Königin bei sich haben, und die anderen, dass sie die Hälfte der Bienen verloren haben, treffen sie sich wieder am Ausganspunkt. Demokratie funktioniert hier nicht immer.

Was der perfekte neue Standort ist, entscheidet schließlich ein Quorum, dass aus mindestens 30 Kundschafterbienen besteht. Thomas D. Seeley sieht darin einen Kompromiss, den die Natur gefunden hat: Durch ein Gleichgewicht zwischen Geschwindigkeit (der ein kleines Quorum zuträglich ist) und Genauigkeit (der ein großes Quorum zuträglich ist). Denn das Problem an der ganzen Sache ist: Die Kundschafterbienen haben nie den Überblick über die gesamte Situation, sondern können nur die Bienen in ihrer direkt Umgebung wahrnehmen.

Schlussendlich werden dann die Bienen wieder zum Abflug bereit gemacht durch Signale, die von den Kundschafterbienen ausgehen. Daraufhin werden die Tätigkeit der Flügelmuskulatur und die Temperatur erhöht, bevor der Schwarm letztlich in sein neues Heim einzieht.

 

Demokratie? Eher Politie!
Es gilt also festzuhalten: Die Entscheidung, wo ein neuer Bienenschwarm einzieht, wird von Kundschafterbienen, die nur etwa fünf Prozent des Schwarms ausmachen, getroffen. Bei der tatsächlichen Entscheidungsfindung ist darüber hinaus nur ein Teil der Kundschafterbienen involviert.

Grundsätzlich fällt es schwer, hier also von Demokratie zu sprechen. Aber dennoch ist es erstaunlich, welchen Einfluss die verschiedenen Individuen auf die Entscheidungsfindung haben. Und damit sind die Bienen von der Aristotelischen Idealvorstellung nicht weit entfernt. Dieser favorisierte eine „Politie“ genannte Herrschaftsform. Sie ist eine Mischung aus Oligarchie (Herrschaft weniger) und Demokratie (Herrschaft des Pöbels). In der Politie sollen diejenigen regieren, die am meisten Leistung erbringen und am reichsten sind. Aristoteles unterstellt, dass nur diese über die ausreichende Erfahrung verfügen.Bei den Bienen sind das die Kundschafterbienen.

Damit befinden sich die Bienen auch genau im Aristotelischen Idealzustand, das er in der Nikomachischen Ethik vertritt: Es ist die Tugend zwischen zwei Extremen.

 

 

 

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