Kreuz und G'radraus

 

 

 

 

Pater Stefan

über den Himmel und das Leben davor

 

 


Essen ist Freiheit!

Heute gibt`s Kalbsherz - ein ausgesprochen feines Stück Fleisch, und da selbst für einen ausgewachsenen Pater so ein Herz etwas viel ist, teile ich es mit meiner Labrador-Hündin: Sie freut sich roh daran, ich im gebratenen Zustand. So weit, so gut.

 

Gerne würde ich, wie es heute möglich ist, die virtuelle Welt auch an dieser Erfreulichkeit meines Lebens teilhaben lassen, indes: Ich sehe davon ab. Es wären nicht nur die "Igitt"- und "Bäh"-Kommentare, die mich ob der mangelnden Würdigung eines Teils mitteleuropäischer Küche traurig sein lassen könnten - es wären auch die Suaden von Vegetariern, Veganern und "Das Kälbchen hatte bestimmt so liebe Augen"-Empfinder, die mir zu beantworten schlicht zu anstrengend sind.

 

Essen ist Kultur. Und ich finde es ausgesprochen bedauerlich, dass unsere Küche immer mehr eingeschränkt wird: Durch Bequemlichkeit, durch internationale Trends und Filialketten mit ihrem langweiligen Einheits-Food von Hongkong bis New York - und durch Ideologien: Die bekannte Köchin Sarah Wiener hatte sich erst dieser Tage einem Empörungssturm der Veganer zu stellen, da sie es wagte, Mandelmilch als Ersatzprodukt aus ihrer professionellen Sicht in ihrer Qualität in Frage zu stellen. "D´Katz mag d´Mäus, i mag se net" - mit diesem schwäbischen Satz im Ohr bin ich aufgewachsen. Wenn wir davon sprechen, dass Essen Kultur ist, dürfen wir es doch als große Gnade empfinden, heute aus einer großen Auswahl von Lebensmitteln, die wiederum Teil verschiedener Ess-Kulturen sind, unsere Ernährung zusammenstellen zu können - und uns nicht mehr, wie einige Generationen vor uns, mit dem ernähren zu müssen, was eben gerade (noch) da ist.

 

Die Bilder von Tiertransporten, Massentierhaltungen und dem Geschöpf Tier nicht gerecht werdenden Stallungen erschrecken Viele. Die Empörung darüber geht dann oftmals rasch über in Forderungen nach neuen Gesetzen und Verboten. Dabei wird keiner gezwungen, sehr billiges Fleisch zu kaufen. Ob der Satz "Die Produktion schafft ihre eigene Nachfrage" gilt oder nicht, darüber mögen sich wirtschaftsphilosophische Seminare den Kopf zerbrechen. Sicher ist: Was nicht gekauft wird, wird auch bald nicht mehr angeboten und bald nicht mehr produziert.

 

Zu einer Kultur des Essens, die ich mir wünsche, gehört auch die Freiheit des Einzelnen, sich zu ernähren, wie er möchte. Eine Politikerin der "Grünen", mit der der Autor dieser Zeilen wohl wenig mehr gemein hat als den Geburtsort, formulierte vor einigen Jahren "Man muss nicht jeden Tag Schweinebraten essen." - Ja, das muss man nicht. Aber ich setze mich dafür ein, dass es jeder darf, wenn es ihn freut. Ich bin froh, einer Religion anzugehören, die keine Speiseverbote kennt. Wer nun an den fleischlosen Freitag denkt (den mancher Ernährungswissenschaftler heute gerne wieder empfehlend herauskramt, selbstverständlich dafür aber einen anderen Wochentag wählend, um ja nicht als katholisch zu gelten), dem sei gesagt: Die Kirche kennt die Tradition des Fasten-Gebots - ein allgemeines Fleisch-Verbot wäre heutzutage angesichts katholischer Vegetarier wenig zielführend.

 

Das Bier als Kulturgut mönchischer Tradition, das Schwein als vielgeschmähtes, und doch so wertvolles Nutztier - dies in Kombination kann in entsprechender Lokalität, mit musikalischer Untermalung süddeutscher Provenienz durchaus einen Vor-Geschmack dazu geben, was "Himmel" einst bedeuten könnte. Entscheide dich als Bürger dieses Landes ("Verbraucher" ist ein seltsames Wort, der Mensch ist keine Konsummaschine) frei, was Du essen möchtest - wenn`s mir nicht schmeckt, möge es dir doch zur Freude gereichen. Diese Art Kultur wäre doch eine gute Grundlage für eine gemeinsame Mahl-Zeit. In diesem Sinne: Guten Appetit, ich schließe jetzt, sonst ist vom Kalbsherz nicht mehr viel übrig...


Das Kreuz - Erinnerung, Mahnung und Stärkung

 

Das Kreuz sei den einen ein „Ärgernis“, den anderen eine „Torheit“ – so schreibt der Apostel Paulus. Zweitausend Jahre später: Wieder sind die einen sehr verärgert, die anderen halten es für dumm, wenn eine Regierung beschließt, Kreuze seien in den Eingangsbereichen ihrer Dienststellen anzubringen. Dass die bekannten Gegner des Christentums auf die Barrikaden gehen, wundert nicht – verwundert darf man aber sein, wer sich in die Reihen der Kritiker begibt und in den Chor derer einstimmt, die die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung als „Instrumentalisierung“ eines Glaubenszeichens bewertet.

 

Wenn zukünftig mehr Menschen in ihrem Alltag, bei ihrem Aufenthalt in den Räumen von Behörden, dem Kreuz begegnen werden, ist es Aufgabe der Kirche, zu erklären, was das Kreuz ist und welche Zusagen Gottes damit verbunden sind.

 

Zunächst ist es Erinnerung an Golgatha, den Ort der Kreuzigung, aber eben auch die Erinnerung daran, wie viele Christen im Lauf der Geschichte wegen ihrer Treue zum Kreuz ihr Leben ließen. Tausende Priester und Ordensleute gingen im 20. Jahrhundert in die Lager der blutigen Ideologien, weil sie das Kreuz nicht verleugneten – Millionen von Christen werden in unseren Tagen verfolgt, weil sie vom Glauben an den dreifaltigen Gott nicht lassen. Als Priester und Ordensmann ist es für mich in keiner Weise vorstellbar, das Kreuz zu verleugnen – alleine schon, weil ich mich vor den Christen zu schämen hätte, die unter Bedrohung von Leib und Leben, in Folter und Hinrichtung einer Verleugnung keinen Raum ließen.

 

Das Kreuz mahnt die Christen: Wir glauben an einen Gott, der für uns ans Kreuz ging und der trotz aller Drohung und Warnung an seiner Botschaft festhielt. Das Leben zu schützen kann im Sinne des Evangeliums kein Randthema sein: Die Tötung von Kindern im Mutterleib, die immer wieder aufflammende Diskussion, ob behindertes, pflegebedürftiges, altes Leben denn noch „lebenswert“ sei (und die fürchterlichen Gedanken dahinter, was das den Sozialstaat koste) sind himmelschreiendes Unrecht und müssen immer wieder deutlich benannt werden.

 

Überall dort, wo der Mensch zur Masse wird – ob das nun „Konsumenten“, „Humankapital“ oder „Arbeiterklasse“ heißt –, ist es dringend nötig, das Menschenbild des Christentums von der Unveräußerlichkeit der Würde des Einzelnen zu vertreten. Die Grundpfeiler des Evangeliums sind kein Parteiprogramm, das in gesellschaftlichen Koalitionen zur Verhandlungsmasse werden kann. Auch dazu mahnt das Kreuz.

 

Im Gegensatz zu den Göttern der Antike ist dieser Christus der ganz andere: Wir Christen schauen auf einen Gott, der leidend und gefoltert am Kreuz stirbt. Schwächer kann ein Mensch nicht sein. Hier ist aber gerade das Revolutionäre zu finden: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“. Die Botschaft vom Kreuz ist eben die Zusage, dass mitten im Leid der Ostermorgen anbricht. Da sind die Eltern, die vor lauter Sorge um ihr Kind kaum mehr Kraft haben, ihren Alltag zu meistern – und die den Halt im Glauben finden, der sie trägt. Da ist der Sterbende, der die Ernte seines Glaubenslebens einfahren darf und in körperlicher Schwäche den Trost des Glaubens erfährt. Da ist der Zweifler im Glauben, der immer wieder auf das Kreuz schaut, anklagend, kritisierend, abwägend – und der schließlich seinen ganz persönlichen Zugang im Glauben findet, vielleicht erst nach vielen Jahren. Und ja, da ist auch der Ordensmann, der die gravierenden Fehler seines Oberen sieht, sich in Gehorsam und Demut zu beugen hat – und dem plötzlich ganz neue Wege und Perspektiven geschenkt werden.

 

Ich freue mich über jedes Kreuz, das sichtbar ist in unserem Land. Und ich bin bereit, darüber zu sprechen, was es bedeutet – erinnernd, mahnend, stärkend. Schließlich hat auch die Bayerische Staatsregierung manchmal Erinnerung, Mahnung und Stärkung nötig. Gott sei Dank!


Weihnachten ist Herzensbildung

Wer über Weihnachten redet, muss über Bildung reden. Wirklich? „Bildung“, das klingt in diesen Tagen nach Bildungspolitik, nach Hochschulfinanzierung und Abitur nach zwölf oder dreizehn Jahren. Politik – das ist wenig weihnachtlich. Und für Kinder und Jugendliche klingt „Bildung“ nach Schule – und die dürfen sie ja nun gottlob für zwei Wochen hinter sich lassen. Warum also „Bildung“?

 

 

Meine Urgroßmutter war eine einfache Frau, die ein bescheidenes Leben führte, gesundheitlich über Jahrzehnte schwer beeinträchtigt. Ein Satz ist von ihr geblieben in der Erinnerung der Familie: „Die wichtigste Bildung ist die Herzensbildung.“ Und genau in diesem Sinne ist an Weihnachten Anlass über Bildung, über die wichtigste Bildung, über die Herzensbildung nachzudenken.

 

Weihnachten will uns verändern. Genauso, wie das Kind in der Krippe von Betlehem die Menschen verändern wollte, die den Weg zu ihm fanden.

 

 

Die Hirten, die ersten, die gerufen waren, den neugeborenen Messias zu sehen – sie haben gestaunt. Und das ist die erste Veränderung, die dieses Kind erreichen will: Dass wir Staunende bleiben – oder wieder neu werden. Menschen, die staunen können, sind immer bereit für Neues. Sie leben in der Erwartung, dass dieses Leben, dass diese Welt immer wieder gänzlich Unvorhersehbares hervorbringen kann – oder anders gesagt: Wer das Staunen verlernt hat, führt ein bedauernswertes Leben. Wer nicht mehr Staunen kann, an dem rauscht Welt und Zeit einfach vorbei und er winkt ab: „Kenne ich schon alles.“ Der staunende Mensch hat ein offenes Herz.

 

 

Die Hirten fanden ein neugeborenes Kind in der Krippe. Ein eben geborener Mensch ist völlig hilflos, und das nicht nur wenige Stunden oder Tage, sondern Monate und Jahre lang. Ausgerechnet so wird Gott Mensch: Er tritt nicht als Superheld, als antiker Halb-Gott in die Zeit, sondern in aller menschlicher Schwäche. Den Blick für die Schwachen nicht zu verlieren in dieser Welt, die immer wieder versucht, unseren Blick so ganz und gar für den Erfolg, die Leistung, die Macht zu gewinnen, ist Aufgabe des Christen ein Leben lang; und gleichzeitig darum zu wissen, dass wir selbst nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen haben – und in jedem Augenblick selbst zu Menschen werden können, die schwach, hilfs- und pflegebedürftig sind. Der Mensch, der ein Blick für die Schwäche und die Schwachen hat, er hat ein offenes Herz.

 

 

Die Hirten, die wieder ihrer Wege gehen – sie haben die Freude erlebt. Sie wissen darum: Gott wird Mensch, nicht mehr die Dunkelheit, sondern das Licht ist das erste und hat das letzte Wort in dieser Welt. Lebens-Freude: Das gehört ganz unbedingt zum Christentum dazu; nicht der oberflächliche und immer nach neuem Konsum geifernde Spaß, sondern die echte, starke, von Gott geschenkte Freude macht uns aus, will geteilt und mitgeteilt sein. Christ ist uns geboren – Halleluja! Wir dürfen uns von ganzem Herzen freuen: Wer diese Freude teilt, hat ein offenes Herz.

 

 

So ist Weihnachten ein Fest, das uns verändern will. Möge Gott, der Herr, es geben, dass es gelingt!

 


Unterdarching: Wo der Glaube Kraft gibt

Die Pfarrkirche St. Johannes ist voller Menschen, links die Männer, rechts die Frauen, auf der oberen Empore der Kirchenchor. Überall ist die Tracht zu sehen, die die Menschen hier in Unterdarching seit Jahrhunderten tragen.

 

Die Liturgie beginnt: Der Kirchenchor singt eine lateinische Messe, Weihrauchschwaden, Gebete, Schriftlesung, Predigt, Gesang, Kommunion – alles geht seinen vertrauten Gang.

 

Es ist Fronleichnam: Vierzehn Fahnenabordnungen stellen sich auf, Feuerwehren, Trachtenverein, die Burschen des Dorfs; der „Himmel“ über Monstranz und Priester, getragen von denen, deren Väter und Großväter bereits tragen durften. In sommerlicher Hitze geht es durch den Ort, am Straßenrand schaut keiner zu – wie auch, denn die Menschen gehen, beten, singen ja mit, werden an jedem der vier Altäre wieder gesegnet.

 

Eine Welt für sich? Über den jungen Mann aus Miesbach, der da mitten in einer Kirchenbank sitzt, wird leise gerätselt. Wie kommt jetzt einer aus der Kreisstadt zu uns nach Unterdarching… Mancher Bursch wird Konkurrenz, manche junge Dame eine Chance erwarten, aber der Ring am Finger hält dann doch von weiteren Befürchtungen und Plänen ab.

 

„Das haben wir immer schon so gemacht“

Wer hier gar nicht dazu gehört, wem diese Traditionen fremd, die Kirche als Organisation veraltet, die Dorfgemeinschaft verschlossen scheint, der wird hier nicht einfach Heimat finden. Einem Anderen wird aufgehen, wie stark dieser Tag ist: Menschen einiger Generationen erfüllen gemeinsam das „Das haben wir immer schon so gemacht“ mit ihrem Leben. Sie lassen sich tragen von dem, was schon die Menschen vor Jahrhunderten hier trug: gelebter, selbstverständlicher, fester Glaube.

 

Im Bräustüberl kommen sie wieder zusammen: Die Feuerwehrler voller Vorfreude auf das erste Bier, die Damen im Schalk, die Kinder in Lederhose und Dirndl, mitten drin: die Blasmusik. „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“ Geübte Musikerohren hören, dass da nicht irgendeine Blasmusik spielt, sondern eine junge Truppe, studierte Musiker in ihren Reihen, die Freude daran haben, das Dorf zu unterhalten. Es wird viel gelacht, vielleicht auch über manche Eigenarten des Priesters, der doch so gerne mitten drin und dabei ist – „bei uns“. „Du, Herr Pfarrer“, sagen die einen, die anderen wählen lächelnd mit „Hochwürden“ den Titel, der nicht in diese Zeit, aber durchaus an diesen Ort zu passen scheint.

 

Der Ort feiert miteinander

Ein Gewitter ist angekündigt – typisch ist das für Fronleichnam, aber „typisch“ sagt man hier nicht, sondern: „So g´hört si des“. Die Frauen gehen mit den Kindern nach Hause, auf manchen Ehemann werden sie daheim noch länger warten müssen – das Bier ist gut, die Musik noch besser. „Auf der Vogelwiese“ wird wieder einmal gesungen, „vom Franz“, der „viel zu viel“ trinkt.

 

Unterdarching, 2017: Fronleichnam feiert hier nicht die Pfarrei für sich, sondern der Ort miteinander.

Einen Tag später trifft sich eine Familie im Kreiskrankenhaus wieder, ein Leben ist in Gefahr: Aufgeregt werden medizinische Diagnosen und Prognosen ausgetauscht, da fällt der Satz: „Aber schee war‘s gestern bei uns.“ Das gibt Kraft.